Solange wir atmen, hoffen wir..... (Marie Josée Laguerre)
Liebe Mitglieder, Freunde und Förderer der Haiti Kinder Hilfe e.V. ! Auf dieser Seite, etwas weiter unten, finden Sie aktuelle Berichte von Marie Josée, Informationen zu den Kindern, Helfern und Mitarbeitern vor Ort und das Tagebuch von Claire und Frank Höfer, die Ende Januar nach Haiti flogen, um beim Wiederaufbau Nothilfe zu leisten. Ganz neu nun auch das Tagebuch von Luzia Schmitt, die sich seit dem 23. Februar in Port-Au-Prince befindet.
(22.02.2010)
Freundeskreis Marl unterstützt die Haiti Kinder Hilfe e.V.
Vor mittlerweile 12 Jahren hat Robert Heinze aus Marl bei einem Besuch in Haiti die dortigen Lebensumstände kennengelernt.
Unter dem Dach der Haiti Kinder Hilfe e.V. gründete er 1998 den „Freundeskreis Marl“, der Dank der Spendenbereitschaft vieler Freunde und Förderer diverse Projekte in Haiti unterstützt.
Robert Heinze war in den vergangenen Jahren mehrmals vor Ort in Haiti, um sich persönlich um die Projekte zu kümmern.
Durch Spendenaufrufe in der örtlichen Presse und persönliche Anschreiben nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti am 12.01.2010 konnte der Marler Freundeskreis auf dem
Konto Nr.: 4542312,
BLZ 42650150
Sparkasse Vest Recklinghausen
eine großartige Spendenbereitschaft feststellen.
Diverse Veranstaltungen und spontane Spendensammlungen zu Gunsten der Haiti Kinder Hilfe e.V. und hunderte von Einzelspenden haben zu diesem großen Erfolg geführt.
Mittlerweile erreichen Herrn Robert Heinze auch Anfragen zur Hilfe aus den nördlichen und südlichen Regionen Deutschlands.
Herr Heinze war vom 14.02. - 24.02.2010 in Haiti, um den Wiederaufbau der zum Teil zerstörten Projekte und die Verwendung der Spendengelder zu organisieren.
(10.02.2010)
action medeor zieht erste Bilanz Vier Wochen nach dem schlimmen Erdbeben hat das Deutsche Medikamenten-Hilfswerk action medeor eine erste Bilanz der Hilfe gezogen: Bericht action medeor
action medeor und die RTL Stiftung
Medikamente im Wert von 70.000 Euro!
Mit einer raschen und großzügigen Hilfsaktion macht es action medeor möglich, dass Medikamente und noch heutemedizinischesEquipment im Wert von 70.000 Euro am Flughafen von Port-Au-Prince eintreffen und von Marie Josée Laguerre selbst in Empfang genommen werden. Finanziert werden die dringend benötigten Medikamente, Verbandsmaterial, therapeutische Nahrung und medizinischen Geräte aus dem Spendentopf der „Stiftung RTL – Wir helfen Kindern e.V.“, die seit dem 15. Januar bei den Fernsehsendern RTL, VOX, n-tv und Super RTL entsprechende Trailer und Spendenaufrufe ausstrahlt. Weitere Hilfslieferungen werden in den nächsten Tagen und Wochen erwartet.
Diese Kinder brauchen ein neues Zuhause (Bilder: action medeor):
(Aufgenommen vor einer Einrichtung der Haiti Kinder Hilfe)
Wiederaufbau unseres Kinderheimes in Trichet !!!!
Wie berichtet, ist unser Knabenheim in Trichet/Port-Au-Prince durch das Erbeben am 12. Januar völlig zerstört worden. Zwölf unserer Kinder und ein Betreuer sind in den Trümmern ums Leben gekommen. Eine Betreuerin schwebt in Lebensgefahr. 57 Kinder haben zum Glück überlebt. Doch diese Kinder müssen nun im Freien schlafen. Jetzt brauchen sie dringend ein neues Zuhause. Wir sind so unendlich dankbar: action medeor hat sich bereit erklärt, unser Heim wieder aufzubauen!!! Die Stiftung RTL stellt die finanziellen Mittel zur Verfügung.
Ganz entscheidende Hilfe bei der Verpackung der Waren, dem Transport und vor allem bei der Logistik für unseren Airbus-Flug bekamen wir von der „Firma Senator International“ in Augsburg und Hamburg (alles kostenlos). Auch die „Firma Spedition Nuber, Augsburg“ griff uns unter die Arme, indem sie uns die Solarkocher aus Altötting nach Augsburg gefahren hat (ebenfalls kostenlos).
Die Solarkocher selbst (58 Stück und 72 Töpfe dazu) wurden von der Firma EG SOLAR aus Altötting gestiftet, die in Eigeninitiative Spenden sammelt (Spendenaufruf bitte hier anklicken)
Nicht zu vergessen die generöse Hilfe von AIRBUS Operations, die den Flug mit einem Airbus A 340-300 kostenlos durchführt, lt. Tore Prang von Airbus betragen die Kosten für den Flug ca. 300.000 EUR.
Beim Beladen des AIRBUS mit Hilfsgütern...:
...und beim Entladen des AIRBUS in Port-Au-Prince:
Unterstützung auch vom Malteser Hilfsdienst e.V.
Der Malteser Hilfsdienst e.V., Kreisgliederung Aichach-Friedberg,
unterstützt die Haiti Kinder Hilfe e.V. nach Kräften logistisch und
organisatorisch bei der Bewältigung der furchtbaren Folgen des Erdbebens.
die Zeit vergeht, aber für manche überlebende Opfer und Trauernde ist der 12.01. wie der gestrige Tag. Von einem jungen Mann, Mitte dreißig, wird erzählt, dass er zum Heiraten nach Haiti kam. Seine Braut und deren Familie, seine Familie, Freunde kamen aus drei Kontinenten, um das schöne Ereignis zusammen zu feiern. An diesem Dienstag ging er ganz schnell auf die Bank, bevor sie schloss. Das Erdbeben überraschte ihn unterwegs. Als er danach vor seinem Wohnhaus stand, machte er die Augen ein paar Male auf und zu und konnte es einfach nicht fassen: 44 Menschen starben unter den Trümmern, er ist der einzige Überlebende.
Bei uns sind viele Heimkinder in ihr Dorf zurückgekehrt. Wir versorgen sie mit Nahrungsmitteln und dem, was sie sonst zum Leben benötigen. Ich war inzwischen dreimal in Marouge und freue mich jedes Mal sehr die Kinder wiederzusehen. Trotz
eines arbeitsintensiven Alltags vermisse ich sie sehr und das Sapotille Heim kommt mir zum Teil leer und traurig vor....(zum Weiterlesen bitte anklicken)
……….. ich bin für Ihr Teilen mit Haiti sehr dankbar. Ihre vielen Ideen, um uns zu helfen, schenken mir ein wenig Freude, obwohl mir sonst das Weinen zurzeit näher ist. Es gibt hier so viel zu tun: ganz Port-au-Prince lebt auf der Straße, die Menschen haben Angst in die Häuser zu gehen, die wenigen Arbeitsstätten, die es in der Hauptstadt gab, sind zusammengestürzt. Es herrscht Lebensmittelknappheit. Die medizinische Versorgung ist aufgrund der Präsenz von zahlreichen Hilfsorganisationen sichergestellt. Ansonsten fehlt alles Andere. Die haitianischen Regierungen hatten jahrzehntelang die Hauptstadt Port-au-Prince zu einer einigermaßen funktionierenden Stadt gemacht; ihr Kollaps durch das Erdbeben hat wie eine Lawine den Rest des Landes in Mitleiden- gezogen. Hinzukommt, dass gerade in Haiti Regenzeit ist. So erleben wir jeden Tag eine neue Katastrophe. Häuser, die Risse hatten und eine Gefahr darstellen, stürzen während des heftigen Regens ab und begraben arme Menschen, die Tag und Nacht in den Trümmern Essbares oder irgendetwas suchen, was sich verkaufen oder gut gebrauchen lässt.
Dank Ihrer Spende können wir vielen Menschen helfen, die beim Erdbeben alles verloren haben. Wir sind dabei, unsere Heimkinder, die in Port-au-Prince Angst vor weiteren Erdbeben haben und in ihre Dörfer zurück gekehrt sind, in der nahe liegenden Stadt Saint-Marc unterzubringen, damit sie das Schuljahr nicht verlieren. Wir haben bereits Essen, Decken, Kleidung verteilt. In Zusammenarbeit mit „action medeor“ versorgen wir in mobilen Krankenstationen die Bevölkerung dort, wo sie keinen Zugang zu kostenloser guter Versorgung hat. Wir suchen händeringend nach Plätzen, wo wir unsere Zelte aufschlagen können, um unsere Kinder zu unterrichten.
Liebe Freunde, die Stimmung auf Haiti ist alles andere als ermunternd. Mich persönlich trägt die Möglichkeit zu helfen, die meine Freunde in Deutschland mir geben, zu denen Sie zählen. Im Namen der Menschen, denen Ihre Hilfe zugute kommt, sage ich Ihnen ein herzliches Vergelt’s Gott.
Ihre Marie Josee Laguerre
PS: Obwohl die Soforthilfe immer noch dringend notwendig ist machen wir uns bereits intensiv Gedanken wegen des Wiederaufbaus der zerstörten Schulen und des Kinderheimes.
Ihre Unterstützung ist natürlich immer willkommen, aber jetzt, in diesen schweren Stunden, hilft sie in ganz besonderer Weise nicht nur unseren Kindern, Schülern und Jugendlichen, den Kranken, die wir versorgen, den Eltern, die wir stützen, sondern auch uns, den Mut nicht zu verlieren.
Das Wichtigste in Notzeiten sind gute Freunde.
Nochmals: Danke!
Und einen herzlichen Gruß
Haiti-Kinderhilfe e. V.
i.A.
Alois Vogg, Schatzmeister der Haiti Kinder Hilfe e.V.
Was wir tun, damit in Haiti Kinder und Familien Zukunft haben:
Nothilfe sofort:
Medikamente, mobile Krankenstationen, Lebensmittel, Solarkocher mit Töpfen, Kleidung, Geschirr,
Gestern haben wir die 86 Kartons voller Medikamente und medizinischem Gerät vom Depot beim Flughafen aus der Medeor-Lieferung abgeholt. Es hat gut geklappt: der Direktor von Amerijet half uns. Er sagte den Zöllnern und der Security: „es ist für Waisenheime!“ mit einer Geste, die sagte: „lasst sie durch! Lasst sie durch!“ So hat ein unglaublich dicker Zöllner nur einen Karton aufgemacht und zwei Medikamente verifiziert und uns dann durchgelassen.
Durch die Stadt Port-au-Prince zu fahren ist anstrengend und dauert lang. Es gibt sehr viele Staus. Die Luft ist entsetzlich verpestet. Die Autos stoßen dicke schwarze Rauchwolken aus. Dann brennt überall am Straßenrand Müll. Aber die Stadt lebt wieder. Es fahren unzählige Taptaps (Kleintransporter), LKWS, Mopeds…
Es gibt große und kleine Lager mit einer Mischung von Zelten, Pappkartonhütten, Unterkünften aus allen möglichen Tüchern, Plastikplanen… Was wird aus all dem, wenn der Regen kommt? Wenn man sich diese Frage stellt, wird einem Angst und bange. Vor allem, wenn man mal einen tropischen Regenguss erlebt hat!!!
(Hof von Sapotille)
Gestern kam, Nicodème ein Junge, der nach dem Einsturz von unserem Kinderheim in Trichet bis zum nächsten Tag in den Trümmern gelegen hatte, dann für tot gehalten zu den Leichen gelegt wurde und Stunden da gebrüllt hatte, bis man ihn bemerkte. Er war danach wegen seiner Verletzungen in ein Krankenhaus außerhalb von Port-au-Prince gebracht worden und hatte letzte Woche sich aus aller Kraft dagegen gewehrt, zurück in die Hauptstadt gebracht zu werden. Er war geflüchtet. Marie-Josée musste ohne ihn den Rückweg antreten. Gestern musste sie ihn dann doch mitnehmen. Er kann nirgendwo anders hingehen. Wir fuhren von Santo nach Sapotille mit Roros großem Taptap. Nachdem das Auto vor dem Heim in Sapotille gehalten hatte, sprangen die anderen aus dem Auto zu den Kumpeln im Hof. Nicodème blieb sitzen. Ich schaffte es, ihn dazu zu überreden, auszusteigen, aber dann musste ich ihn festhalten. Er wollte wegrennen. Ich hielt ihn eine ganze Weile umarmt. Er weinte. Dann führte ich ihn in den Hof, immer noch ihn festhaltend. Er hat sich dann in das Bett von einem der anderen im Hof gelegt und ich besprach mit diesem, dass beide zusammen da schlafen sollen, denn Nicodème kann sicher die Anwesenheit eines Anderen gut brauchen. Den anderen Kindern hatte ich letzte Woche Teddys gegeben. Nach einer Weile sagte Nicodème, er hätte auch gern einen Teddy. Zum Glück hatte Claudia auch welche mitgebracht, so konnte ich ihm einen schönen schwarz-weißen Panda-Bären geben, den er sofort fest in den Arm schloss. Als ich später nach ihm schaute, lag er, den Bären ganz an sich gepresst und heute Morgen bemerkte ich, dass er auf der weißen Stirn des Plüschtieres mit Filzstift seinen Namen geschrieben hat: es soll bloß keiner ihm das Tier wegnehmen!!
Claire Höfer
(Hafen von Port-Au-Prince) (07.02.2010, Port-Au-Prince, im Heim der Rue Sapotille)
Heute hat die kleine Zeltklinik zu. Es ist für alle notwendig, sich ein
bisschen auszuruhen. Die vergangene Woche war wohl für alle anstrengend.
Die Klinik läuft sehr gut. Die Ärzte haben viel zu tun.
Die Lage ist ausgewählt worden, weil das Grundstück an einem Slumviertel
angrenzt, wo es überhaupt keine Versorgung gibt (nicht nur keine medizinische sondern auch keine Lebensmittel, kein Wasser) und viele Kranke und Verletzte. Gestern ist jemand mit einem Megaphon geschickt worden, der im ganzen Viertel, bekannt geben sollte, dass alle dazu eingeladen werden, sich da verarzten zu lassen.
Roland, der Kinderarzt, zieht morgen mit einem Arzt aus dem Auswärtigen Amt durch alle Krankenhäuser von Port-au-Prince, um sie aufzulisten und Kontakte zu knüpfen, damit man genau weiß, wo man jemanden hinschicken kann, wenn ein Patient kommt, der mehr braucht als unsere kleine Zeltklinik.
Marie-Josée macht sich Sorgen, weil das eingestürzte Nachbarhaus das
trockene Bachbett total verstopft, das zwischen den 2 Häusern war. Solange
das Wetter trocken ist, macht das nichts, aber wenn der Regen kommt, wird da ein reißender Bach sein, der das Haus überflutet. Zwei mal schon haben wir uns an den THW (Technischer Hilfsdienst) gewandt. Sie haben die Kräfte der UNO verständigt und sagen, sie können nicht mehr tun.
(Verstopftes Bachbett )
Eine zweite Zeltklinik ist in einem Viertel auf dem Weg zum Flughafen
eröffnet worden. Mit einem haitianischen Arzt und Herve, einem „Sohn“ von
Marie-Josee und Medizinstudent im fünften Jahr und der Krankenschwester, die normalerweise in der festen Krankenstation arbeitet, die im Gebäude der BeteEL-Schule war. Sie läuft auch sehr gut.
Bei den Zeltkliniken gibt es ein Problem, das wir noch nicht gelöst haben:
die Klos!! Es gibt in der Stadt Pixieklos, aber zu horrenden Preisen!
Zwei weitere solche Zeltkliniken sind geplant. Dann soll auch noch einem Krankenhaus geholfen werden mit Material und einem Arzt.
Und wir überlegen, wo man ein gutes übersichtliches Lager für die Medikamente und das, was wir von Medeor bekommen haben, einrichtet. Es muss
an einem sicheren Ort sein! Hier wird alles gestohlen und gestohlene
Medikamente können hier richtig gefährlich werden. Vielleicht wird der
große Schlafsaal im ersten Stock des Sapotille-Heims dafür hergenommen.
Dann werden wir Regale brauchen. Eine Zeit lang haben wir gedacht, die
Stockbetten als Regale zu benützen, aber die werden wir in den Zelten für
die Kinder benötigen, wenn es anfängt zu regnen.
In der nächsten Woche will Marie-Josee alle Schulen - das, was davon übrig ist! - anschauen und versuchen, mit den Eltern der Schüler eine Verbindung
herzustellen. (Meistens sind welche in der Nähe und dann funktioniert die
Buschtrommel). Sie möchte gern einen provisorischen Unterricht sehr bald
ermöglichen, damit die Kinder beschäftigt sind und nicht auf der Strasse
herumhängen.
Wir bauen alle eifrig Solarkocher zusammen. Es sind ganz tolle, einfache,
robuste Geräte. Sie müssen jetzt an vielen Stellen eingesetzt und vorgeführt werden, um die Chance zu bekommen, dass die Solarkocher von den Menschen angenommen werden.
Die verletzten Jungen, die unter dem Heim von Trichet vergraben waren und
vor ein paar Tagen aus dem Krankenhaus hierher gebracht wurden, erholen sich langsam. Auf jeden Fall lieben sie ihren Arzt und wir haben den Verdacht, dass sie manchmal dafür sorgen, dass ihre Verbände sich lösen, um in den Genuss einer Behandlung zu kommen.
Bei 2 von ihnen wird vielleicht nötig sein, dass sie in Deutschland operiert werden. Der eine, um den Gebrauch einer Hand wieder zu haben, der
Zweite, um sein linkes Bein wieder benutzen zu können. Sie sind wieder ganz lustig und lachen und spielen. Wenn man weiß, was sie durchgemacht haben, staunt man darüber. Einer ist beim Einsturz des Heims auf dem Betreuer, dem Hausvater, zu liegen gekommen, sie klemmten unter den Trümmern. Neben ihnen die Frau des Betreuers, schwer verwundet. Es war irrsinnig eng und voll Staub. Pierrot, der Betreuer erstickte und in seinem Todeskampf umklammerte er den Jungen, der selber fast daran erstickt wäre. Dann starb Pierrot, die Umklammerung lockerte sich. Der Junge spürte, wie der Körper unter ihm schlaff wurde und sagte der Frau schlicht: „Pierrot ist tot“. Erst am nächsten Tag konnte man sie aus den Trümmern holen und die Frau schrie die ganze Nacht. Der kleine Bruder des Jungen liegt noch unter dem eingestürzten Heim.
Vorgestern Abend haben wir den Geburtstag eines der Mädchen mit einfachen Mitteln gefeiert. Im Hof wurden Kekse gegessen, Saft getrunken und alle haben gesungen. Das Mädchen selbst singt sehr schön. Alle Jungs haben mitgesungen und viel Spaß gehabt.
In der Stadt haben die Menschen angefangen, die eingestürzten Häuser
abzutragen. Sie arbeiten mit lächerlichem Werkzeug: Hämmer, um die
Betonplatten und -blöcke zu zertrümmern, Eisensägen, um Betoneisen zu
durchtrennen. Bei einem Treffen der deutschen NGOs in der deutschen Botschaft wurde entschieden, eine Menge Vorschlaghämmer zu beschaffen und zu verteilen. Keine Presslufthämmer oder andere Maschinen, sie brauchen Strom oder Kompressoren!!
Es gibt unendlich viel zu tun! An allen Ecken und Enden.
Vorher habe ich in einem ganz gnädigen Moment den Bericht von Marie-Josée schicken können, meinen nicht mehr. Wir haben wirklich nur sporadisch und dann ganz kurz Internetzugang. Man kann von Glück reden, wenn man so einen Augenblick erwischt. So schreibe ich weiter in der Hoffnung irgendwann doch alles abschicken zu können.
Jetzt ist doch meine email weggegangen! Endlich. Ich habe fast jeden Tag – sogar mehrmals am Tag – daran geschrieben. Deswegen ist er so lang geworden.
Gestern Abend waren wir bei den Besitzern des großen Hauses eingeladen, in dessen Garten die Krankenstation aufgebaut wird.
Frank hat die 5 Zelte am Flughafen abgeholt. Die Amerikaner waren sehr nett, lässig-locker, unbürokratisch und hilfsbereit, so dass es relativ schnell ging.
Heute haben wir die Krankenstation „oben“ am Berg eröffnet. Die Besitzer hatten schon ein Zelt aufgebaut. Erst wurde also das zweite Zelt aufgebaut, ein großes sehr schönes Zelt. Dannwurdedarin die Apotheke eingerichtet. Das andere Zelt war abgeteilt in 2 Behandlungszimmer. In einem gab es sogar eine Untersuchungsliege! Die Menschen kamen nach und nach. Viele Frauen mit Babies oder kleinen Kindern. Es musste gedolmetscht werden. Ein junger haitianischer Medizinstudent half und auch Lovely, die in dem Sapotille-Heim wohnt und bald ihr Medizinstudium beendet. Sie machte es sehr gut und erklärte uns immer wieder, wie man mit den Menschen hier reden muss. Man darf z.B. ihnen keine konzentrierte Medizin geben mit der Erklärung, sie sollten sie verdünnen: die Gefahr ist groß, dass sie es konzentriert benutzen – es hilft sicher besser, da konzentriert!
Eine junge Frau war da mit einem winzigen Baby, ein Frühchen, von dem man nicht weiß, ob es leben wird.
Alle Menschen waren sehr freundlich, geduldig und sichtbar dankbar.
Eine alte Frau zeigte auf ein großes Kartonstück und fragte, ob sie es haben könnte. Ich gab ihr ein noch größeres (von der Zeltverpackung). Sie strahlte, wie wenn sie im Lotto gewonnen hätte. Sicher wird es ihr Bett sein heute Nacht, oder eine Art Schutz.
Es sind 65 Patienten behandelt worden. Gut für einen ersten Tag!
Marie-Josée war in Marouge, sie hat von dort Kranke gebracht, Erwachsene, um sie von „unseren“ Ärzten behandeln zu lassen. Auch Kinder aus Santo waren gebracht worden, so daß Dr. Roland Kracht nach dem Essen noch eine ganze Weile Sprechstunde hatte. Diese Jungs sind sehr tapfer. Sie haben ziemlich tiefe Wunden, sie klagen bei der Behandlung nicht, weinen nicht. Man sieht ihren Gesichtern den Schmerz an, aber sie ertragen ihn. Sie haben ein sehr schönes tiefes Vertrauen, dass man ihnen hier wohl will und wenn es weh tut, dann ist es sicher nicht vermeidbar und wirklich zu ihrem Wohl.
Ich habe ihnen Spielzeugautos und Plüschtiere gegeben. Jeder durfte sich etwas aussuchen. Es war spannend, was jeder auswählte. Ein größerer Junge riss blitzschnell einen blauen Teddybären an sich und drückte ihn verzückt an sein Herz. Ichhätte gedacht, er würde sich sicher ein Auto aussuchen.
Die Haitianer sprechen von „Heartquake“. Die Stadt ist verwüstet. Die Leute schlafen auf der Straße und zwar fast ohne Ausnahme alle. Die Mittelschicht ist zum Teil besitzlos. Sie hat bei dem Erdbeben alles verloren: viele liebe Menschen, ein Haus, Auto und vieles mehr.
Was die Armen betrifft, weiß ich wirklich nicht, was ich sagen soll. Sie sind auf der Straße. Sie haben weder warme Decken, noch eine Plastikplane, noch zu trinken, noch zu essen. Vor einigen Tagen war ich unterwegs, als es zu regnen anfing; ich fing sofort zu beten an. Wo würden eine bis zwei Millionen Menschen die Nacht verbringen, wenn es regnete?
Es sind Hunderte von Hilfsorganisationen auf Haiti. Jede, vermutlich, mit der besten Absicht zu helfen. Die medizinische Versorgung scheint nach den ersten Tagen der Ratlosigkeit besser organisiert zu sein. Es sind zwar immer noch viele Orte in der Hauptstadt, wo die Menschen darauf warten, betreut zu werden. Gleichzeitig leisten sehr viele ausländische und
haitianische Ärzte Großartiges. Doch wir sind jetzt eine Nation von Amputierten, das ist ein billigeres bzw. schnelleres Verfahren. Die Verletzten müssen die Notkliniken oder die Krankenhäuser verlassen, so bald das Notwendigste geschehen ist. Viele sterben danach zuhause.
Die Nahrungsmittelverteilung schließt aufgrund der Art und Weise, wie sie durchgeführt wird, einen großen Teil der Bevölkerung aus. In den Medien ist oft genug ein Bettlervolk zu sehen, dessen Mitglieder sich schlagen, beschimpfen, um etwas Essen zu bekommen. Täglich sterben fast 100 Haitianer, erstickt, zertrampelt an den Orten, wo Essen verteilt wird. Viele hungrige Haitianer weigern sich, diese Demütigung in Kauf zu nehmen. Wir haben inzwischen sehr viel Essen, sehr viele warme Decken an bedürftige Menschen verteilt.
Schlimmer als all das ist der psychische Zustand der überlebenden Erdbebenopfer. Es sind zahlreiche psychisch Kranke auf der Straße, Menschen aller Altersstufen, die alle Familienmitglieder verloren haben. Sie bräuchten dringend kompetente Hilfe. Ich glaube nicht, dass es eine einzige Station mit Psychologen, Psychiatern oder Therapeuten in der Hauptstadt gibt.
Wenn die Liebe einen Weg zum Himmel fände
und Erinnerungen zu Stufen würden,
dann würden wir hinaufsteigen und Dich zurück holen.
Wo Worte fehlen, das Unbeschreibliche zu beschreiben,
wo Augen versagen, das Unfassbare zu sehen,
wo die Hände das Unbegreifliche nicht fassen können,
bleibt einzig die Gewissheit, dass Du immer in unseren Herzen fortleben wirst.
Ich arbeite sehr viel, Arbeit ist erfahrungsgemäß ein gutes Mittel gegen Trauer. Von unseren Todesopfern kommen drei Kinder aus Marouge: Osnel, 8 Jahre. Erst jetzt ist mir klar, wie intelligent er war. Er besuchte die 5. Klasse. Hermane wäre am kommenden 1.02., morgen, 17 Jahre alt geworden. Fedem war gleichaltrig. Nicht nur in Marouge ist die Bevölkerung der Meinung, dass die Ereignisse vom 12.01.2010 von einem strafenden Gott gewollt sind. Es heißt, wir haben uns von Gott abgewendet, weshalb er uns bestrafen will. Wir können noch vom Glück reden, dass einige am Leben sind. So machen sie einander Angst, leben in großer Angst. Gerade stelle ich in einem Kreis von Landsleuten, die das Unglück überlebt haben, fest, dass keiner sich spontan an sein Geburtsdatum oder einfache, selbstverständliche Dinge, wie Uhrzeit oder Datum erinnern kann. In Marouge sehen die Leute in diesem Erdbeben Teufelswerk, die meisten Kinder und Jugendlichen wollen nicht mehr nach Port-au-Prince zurück. Längst
verlassene oder uns überlassene Kinder werden von einem entfernten Verwandten nach Hause geholt. Ich versuche, die Kinder da wo sie sind zu versorgen, ihnen einen weiteren Beweis unserer Zuneigung zukommen zu lassen. Die Zeit wird hoffentlich unsere Wunden als Volk, als Familienmutter, bzw. -vater, Kinder, Verwandter etc. heilen.
In der weiterführenden BethEL Schule sind vier Schüler und ein Lehrer gestorben.
Für Grundschule BethEL liegt noch keine genaue Zahl vor. Bei der Güterverteilung kommende Woche werden alle BethEL Eltern eingeladen, etwas zu holen, dann werde ich endlich die Wahrheit über unsere Kinder erfahren und Euch informieren können. Die Großfamilie der Schule Sainte-Catherine hat das Unglück heil überlebt. Aber wir trauern um den Initiator des Projekts, Meriadeg und seine Tochter Olivia.
Man Thomas verlor eine Tochter, Rachel (meine Tochter, die Anwältin wurde und die viele Freunde aus Deutschland kannten und mochten), Dieula, die frühere Leiterin des Knabenheims und viele, viele andere uns bekannte oder vertraute, liebe Menschen kamen ums Leben.
Wir hatten in Port-au-Prince eine sehr tröstliche ökumenische Zeremonie für unsere „heimgekehrten“ Kinder, woran Lehrer, Eltern und SchülerInnen unserer Schulen teilnahmen, abgehalten. Nachher fahre ich zu der gleichen Zeremonie nach Marouge. Die Zeremonie in Cap-Haitien steht mir noch bevor.
Und doch wollen wir dem Ruf des Lebens für die Überlebenden in unseren Projekten und woanders folgen.
Was machen wir, was planen wir?
·Wir verteilen Essen und warme Decken mit großer Diskretion.
·Wir fangen morgen mit einer mobilen Klinik an, der noch zwei bis drei weitere bis zum Ende dieser Woche folgen werden. Wir werden auch im Sinne von Medeor und RTL Medikamente an Gruppen, die die gleiche Arbeit machen und dringend Arznei brauchen, verteilen;
·Wir wollen nach Absprache mit unseren Ärzten einige schwere Fälle nach Deutschland schicken;
·Wir sind dabei die vielen guten und schönen Sachen, die Ihr unserer haitianischen Großfamilie geschickt habt, zu verteilen. Wir möchten bis zum WE alle Hilfsgüter, die wir nicht innerhalb der Projekte brauchen, verteilt haben. Familienmütter werden wieder einen Tante Emma Laden aufbauen können. Zahlreiche Menschen, die alles bzw. Das Wenige, was sie besaßen, verloren haben, werden von uns gekleidet werden und wir werden nach Möglichkeiten, ihnen anstatt nur Essen, gleich die Mittel zu einer Existenzgründung zur Verfügung stellen.
·Claire und Frank haben den ersten Solarkocher aufgebaut. Ich habe schon sehr viele Leute wegen den Solarkochern angesprochen. Ich bin wie vor 16 Jahren Feuer und Flamme für dieses Projekt. Am WE werden die ersten Einführungen stattfinden;
·Wir überlegen, wo wir das Knabenheim und die Schule BethEL wieder aufbauen. Ein Bekannter hat mir einen Platz z.V. gestellt, wo wir unsere Zelte aufschlagen und den Unterricht für BethEL und Sainte-Catherine halten werden.
·Alle Lehrer sind im Moment obdachlos, ich denke, dass es den Schülern nicht anders ergeht. Beide Gruppen wohnen in dem Delmasviertel und in den Slums.
Ihr seht, wir haben viel zu tun und brauchen jeden Euro, den Ihr uns anvertraut, um Not zu lindern.
Dieser Bericht sollte nicht so lange werden. Ich merke, das Erzählen an FreundInnen tut gut. Vielen Dank, dass Ihr mir so nah seid, den Haitianern so sehr helft. Ich bemühe mich trotz mangelnder Infrastruktur Euch auf dem Laufenden zu halten.
Seit Freitagabend 29.01.2010 sind wir, sowie die weiteren vier Ärzte bzw. Helfer in Port-au-Prince.
Heute ist Sonntag.
Wo soll ich anfangen?
Schon mehrmals habe ich Anläufe gemacht, dann ging der Strom aus, alles Geschriebene wieder verloren. Das passiert Marie-Josée ständig. Sie hat schon so viele Anläufe gemacht, einen Bericht zu schreiben und verlor ihren Text wegen Stromausfall, dass sie verständlicherweise ganz genervt ist. Gestern Abend fing ich mit dem Bericht an, dann holte mich Marie-Josée dringend: 3 Kinder waren gerade aus dem Krankenhaus gebracht worden; drei, die unter den Trümmern ihres Heims in Trichet begraben worden waren und bisher in einem Krankenhaus in einer kleineren Stadt behandelt wurden. Eigentlich waren es sechs Kinder, aber keines wollte zurück nach Port-au-Prince, weil sie entsetzliche Angst hatten. Drei haben sich gewehrt, sind in Panik weggelaufen, so dass nur drei Kinder hier in Sapotille landeten. Eines war unter den Trümmern auf Pierrot, dem Betreuer, zu liegen gekommen. Pierrot ist unter ihm gestorben. Diese schrecklich traumatisierten Kinder mussten beruhigt werden, zu Bett gebracht werden. Obwohl es Jungs sind, die ich auf ca. 7 bis 10 Jahre schätze, gab ich ihnen Teddybären, die ich gebracht hatte. Sie haben sie dankbar genommen.
Jetzt ein bisschen chronologisch: Der Flug mit Airbus: eine tolle Erfahrung und eine unglaublich nette Mannschaft. Anderthalb Stunden über der Bucht von PaP kreisen, bevor wir landen können. Marie-Josée ist in wilden Diskussionen mit dem Zoll verwickelt. Es stehen auch Polizisten dabei, die heftig mit mischen. Es stellt sich heraus, dass sie Marie-Josée helfen. Es dauert sehr lang. Aufgeregt und sehr heftig wird verhandelt, gestikuliert, geschrien. Als alles klar ist, ist es schon kurz vor Anbruch der Nacht. Die 2 LKWs müssen per Hand beladen werden. Alle helfen mit, auch die gesamte Airbus-Mannschaft, die – so sagen sie es – froh und sogar „geehrt“ ist, zu helfen. Roro, der Chauffeur, Djo, Hervé sind da und andere.
Im Konvoi – 1 Polizeiauto, 2 LKWs, 1 Polizeiauto – fahren wir nach Santo, dem Heim der Kleinen, wo jetzt auch die Jungs untergebracht sind. Da soll alles erst mal provisorisch ausgeladen werden. Lange Fahrt mit Staus durch teilweise fast „normal“ aussehende Straßen, teilweise durch stark mitgenommene Viertel. Es ist dunkel, aber der Vollmond scheint. Überall sind Menschen, sie laufen herum, sitzen, liegen am Rand der Straße. Es ist sehr still – das ist ungewöhnlich hier! Nirgends elektrisches Licht.
Wir kommen in Santo an. Die LKWs haben große Schwierigkeiten, rückwärts in den Garten hineinzufahren. Einer bleibt an einer Elektroleitung hängen, der Pfosten reißt, fällt um und versperrt die Straße, muss nach langen Palavern beiseitegeschoben werden. Endlich können die LKWs ausgeladen werden. Es ist spät in der Nacht. Jungs und Betreuer helfen. Wir versuchen eine Ahnung von einer Ordnung hineinzubringen, d.h. die Medizinsachen nach rechts, das Solarequipment nach links, Kleidung… hinten… es ist warm, wir schwitzen alle. Dann werden wir nach Sapotille gefahren, dem Mädchenheim, in dem wir wohnen sollen. Die Mädchen liegen im Hof. Marie-Josée hat Zimmer im Haus für uns alle vorbereitet. Wir können wählen, ob wir im Hof oder in den vorbereiteten Betten schlafen. Das Haus ist vollkommen unversehrt. Nicht mal ein Riss. Trotz der Möglichkeit von weiteren Beben erliegen wir der Versuchung, uns in die frischen Betten zu legen. Wir sind alle vollkommen fertig. Es ist für uns halb sieben in der Früh! Erst kriegen wir aber noch ein Essen, von Maude gekocht und herrlich gewürzt.
(Arbeitssitzung)
Am nächsten Morgen, Arbeitssitzung mit drei Haitianern, die ein Komitee gegründet haben, um ganz in der Nähe von dem Heim, 5 Minuten zu Fuß entfernt, am Rand von einem großen Slum-Gebiet, eine Krankenstation aufzumachen. Engagierte Leute. Unsere zwei Ärzte, Roland und Franz sowie Justus, der Medizinstudent, sollen da im Einsatz sein, Claudia soll helfen, übersetzen…
Besprechung, wie viele Zelte sollen aufgebaut werden, wie behält man die Menge der Wartenden im Griff, so dass keine Unruhen entstehen… Wie oft sollen die Ärzte einen Bericht schreiben, wo und wie werden die Medikamente aufbewahrt. Der Ort ist zum Glück sicher, ein großer Hof/Garten, ganz von Mauern umgeben. Nachts schlafen Leute da, die ihr Haus verloren haben.
Marie-Josée geht nachts nach Santo, um dort die ganzen medizinischen Geräte, die Medikamente… anzufangen zu sortieren, die uns von Medeor gespendet wurden. Es ist viel, sehr viel. Es wird sicher für mindestens eine weitere Krankenstation genügen. Am Morgen kommt sie und bringt viele Medikamentenkartons mit. Den ganzen Tag arbeiten Lovely, Hervé und Toni, Marie-Josées drei Medizinstudenten, mit ihr zusammen daran, die Apotheke zu sortieren. Am Montag um 8:00 Uhr soll die Arbeit mit den Patienten beginnen.
Frank, Claudia und ich bauen einen der Solarkocher zusammen. Es sind tolle Dinger!
(Marie Josée beim Sortieren der Medikamente)
Ein junger Mann, Junior, hängt vor dem Heim herum, kommt in den Hof. Er ist der Sohn einer früheren Mitarbeiterin. Er ist 20, hat zwei kleinere Brüder. Ihre Mutter ist im Erdbeben umgekommen. Nach 17 Tagen, haben sie sie ausgegraben. Beide Arme waren durch die Deckenplatte abgetrennt worden, der Kopf zertrümmert., aber wenigstens haben sie ihre Mutter beerdigen können. Es ist ein großer Schmerz für viele hier – und auch für Marie-Josée – einige ihrer Lieben unter den Trümmern zu wissen. (6 Jungen liegen noch unter den Trümmern von Trichet!). Junior hat alles verloren. Er hat nur noch seine Brüder. Man sollte eher sagen: seine Brüder haben ihn, denn er fühlt sich sehr verantwortlich für sie.
Sie schlafen irgendwo auf der Straße. Ich rede lange mit ihm. Er hat Abitur, war ein guter Schüler und träumte davon, studieren zu dürfen. Seine Mutter scheint alles für ihre Jungen gemacht zu haben. Er möchte, dass seine Brüder, die Chance haben, weiter eine Schule zu besuchen.
Marie-Josée wird sie unterstützen. Wir werden Paten für sie suchen. Franz wird ihn erst mal als Helfer in der Krankenstation brauchen.
Abends fahren wir nach Santo, um ein Zelt für die Krankenstation zu suchen. 5 große Zelte haben wir in Deutschland gekauft und müssen in der Ladung vom Airbus mitgeflogen sein. Mit Taschenlampen suchen wir die Berge von Kartons ab. Kein Zelt! Uns fällt ein, dass noch etwas am Flughafen ist. Eine große Palette umfasste Kartons von der Diakonie-Katastrophenhilfe und von uns. Da müssen die Zelte sein. Jetzt muss wieder organisiert werden. Auf dem Weg nach und von Santo sehen wir die unzähligen Lager der Menschen, die am Rand der Straße hausen. Sie schützen sich durch Steine, Stühle, Trümmer… , die sie als eine Art Zaun um ihr Lager aufbauen, um nicht im Schlaf überfahren zu werden. Manche haben ein Feuerchen gemacht, um sich etwas warm zu machen.
(Eingestürzte Kirche)
Heute Sonntag sind wir in die Kirche gegangen. Die große Kirche, die Sacré-Coeur-Kirche, zu der wir letztes Jahr gegangen waren, ist während einer großen Feier eingestürzt. Der Erzbischof starb und viele Menschen auch. Auf dem Weg kommen wir da vorbei, auch an vielen total zusammengebrochenen Häusern, einer Uni, einer Schule. Überall liegen Menschen noch unter den Trümmern. Manchmal riecht man es. Meistens ist es einfach klar: wenn da jemand war, ist er noch da! Menschen haben die Straße belegt: Steinblöcke versperren sie, Ihre Zelte sind mitten darauf aufgebaut. Es ist der einzige Platz, wo nicht Trümmer liegen.
Der Gottesdienst findet in einer Art Hof statt. Viele Menschen! Alle sonntäglich angezogen und sauber. Wie schaffen sie es bloß? Viele haben ein Taschentuch in der Hand und wischen sich öfter die Augen. Ich auch! Nicht weil ich Angehörige vermisse, sondern weil ich von diesen Menschen überwältigt bin, von ihrem Glauben, von ihrer Haltung. Man sieht Trauer, aber keine Bitterkeit, nichts Vorwurfsvolles und eine große Dankbarkeit, selber noch am Leben zu sein. Sie schaffen es, selbst in dieser Situation Gott zu preisen!
Alles ist provisorisch, der Wein und das Wasser im Gottesdienst werden aus Plastikflaschen genommen, eine Papierserviette wird benutzt….. es wird sehr schön gesungen. So einfach teilweise, dass wir schnell den Refrain mitsingen können.
(Gottesdienst)
In Sapotille ist Marie-Josée, die versucht, einen Bericht zu schreiben, bevor sie nach Marouge aufbricht, wo heute eine Todesfeier ist für die drei Kinder, die in Trichet umkamen und aus Marouge stammen. Für Marie-Josée ist es sehr schwierig. Die einfachen Leute aus diesem Bergdorf sind sehr abergläubisch und es gab welche, die Marie-Josée beschuldigten, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen zu haben, weswegen diese Kinder starben. Einige andere, aus Marouge stammende Kinder sind von ihren Angehörigen dann geholt worden, obwohl niemand in dem Dorf genug hat, um sie zu ernähren und sie halb verhungern. Marie-Josée wird heute Nahrungsmittel mitnehmen für diese Familien… und ihnen die Leviten lesen.
Ein weiterer Bericht folgt in Kürze, sobald wieder Strom und Telefon funktionieren.
Claire & Frank Höfer
(28.01.2010, 22:37 MEZ)
TAGEBUCH VON CLAIRE UND FRANK HÖFER:
Wir hatten einige Verspätungen von Zügen, aber alle sind gut angekommen:
zwei nette Ärzte und ein Arztstudent plus einer patenten Frau mit
Kreolischkenntnissen. Natürlich müssen wir uns erst beschnuppern, um zu
sehen, wie wir zu einem kooperierenden guten Hilfstrupp zusammenwachsen
können. Aber alle sind bereit, auch mit möglichen Schwierigkeiten fertig
zu werden.
Sehr netter Empfang am Flughafen mit einigen Journalisten, die über den
Hilfsflug berichten werden.
Schüler der Katharina-von-Siena-Schule in Hamburg haben eine unglaubliche Menge an
Kleidern gesammelt. Es sind bewegende Augenblicke, wenn man erfährt, wie
gern und grosszügig Kinder immer wieder helfen, samt ihren begeisterten
Lehrern.
Das Flugzeug ist eine Art Forschungslabor. Es fliegt seit zwanzig Jahren und
hat den Auftrag, alle möglichen Tests praktisch durchzuführen. Man merkt
der Mannschaft nicht nur die Freude an der technischen Herausforderung mit
aller nötigen Kreativität, sondern auch die Bewusstheit an, dass sie mit
diesem Hilfsflug den Menschen von Port-au-Prince gerne beistehen wollen.
Der Hauptpilot und der verantwortliche Ingenieur haben all unsere Fragen
beantwortet und sind Leute, die Hirn und Herz am rechten Fleck haben. Der
Flug macht uns Mut zu dem, was uns in Haiti erwartet.
Alles Liebe
Frank
(26.01.2010, 21:41 MEZ)
AIRBUS MIT HILFSGÜTERN ABFLUGBEREIT:
Am Freitag, 29.01. in den frühen Morgenstunden fliegt ab Hamburg ein Airbus für den Verein der Haiti Kinder Hilfe und für die Katastrophenhilfe der Diakonie nach Haiti (Airbus hat für diesen Hilfsflug diese beiden Organisationen ausgesucht, weil sie in Port-au-Prince eine schon bestehende Struktur besitzen). In Port-au-Prince hungern die Leute und es gibt kein Wasser mehr. Es ist schlimmer als im Fernsehen gezeigt wird. Wir sind immer wieder telefonisch und per Mail in Kontakt mit Marie-Josée Laguerre, die seit dem Wochenende endlich in Port-au-Prince ist.
Der Airbus wird Nahrungsmittel, Medikamente, Verbandsmaterial und Solarkocher bringen.
(23.01.2010, 19:46 MEZ)
FOTOS VON UNSEREM ZERSTÖRTEN KINDERHEIM TRICHET IN PORT-AU-PRINCE:
„Siehst Du, das ist das Größte in der Welt, dass alle Menschen Brüder sind, dass sie das gleiche Gewicht haben auf der Waage der Not und der Gerechtigkeit.“
Jacques Roumain (1908-1944), haitianischer Schriftsteller, Anthropologe, Politiker, Diplomat, aus seinem Roman : „Herr über den Tau“
New York, 20.01.2010
Liebe FreundInnen,
vor zwei Stunden habe ich von Djo erfahren, dass noch vier unserer Kinder, die ich fuer tot erklaert hatte, unter den Truemmern sind. Ich habe im wahrsten Sinne des Wortes in einem wahnsinnigen Tempo angerufen, gemailt, und vor allem gehofft. Im Gespraech mit anderen Jugendlichen habe ich dann erfahren, dass viele Mitglieder unserer Grossfamilie sich am Morgen nach dem Beben nach Trichet begeben hatten, um die Opfer auszugraben. Ohne Erfolg. Sie hatten mehrere Stunden gearbeitet, immer um ihr eigenes Leben fuerchtend. Die herbei gerufenen offiziellen Helfer haben alles notiert und sind wieder gegangen. Was bei dem herrschenden Chaos und dem Ausmass der zu verrichtenden Arbeit verständlich ist. -Ich merke nun, dass die Jugendlichen sehr darauf bedacht sind mich zu schonen und manches nicht deutlich erklären.Es ist ja oft so beim Verlust von lieben Menschen- man leidet sehr und moechte anderen Trauernden das Leid ersparen . Djo, Herve und viele Jugendliche behandeln mich gerade so als ob ich zerbrechlich waere. Es wird Zeit, dass wir zusammen sind und gemeinsam ueber unseren Schmerz sprechen, weinen und vielleicht zusammen beten können und einander Kraft schenken.
Ich fliege uebermorgen ueber die Dominikanische Republik nach Haiti. Bei jeder Schicksalsprüfung kommt altes Leid hoch und so denke ich daran, wie ich im Sommer2005, nachdem wir in einer Blitzaktion die ganzen Heime nach Cap-Haitien verlegt hatten, auch ueber die Dominikanische Republik nach Haiti gereist bin. Ich kam in den ersten Augusttagen an. Der Umzug war Ende Juli und Elias war am 31.07. seiner Sichelzellanaemie erlegen. Es gab im Krankenhaus den in seinem Fall lebensrettenden Sauerstoff nicht. Ich denke an diese Zeit zurueck, an die Trauer ueber den Heimgang von Elias, er war nicht ganz 5. Und ich denke an die Flutkatastrophe vom September 2004, an die Opfer, die wir von Gonaives nach Port-au-Prince ins Krankenhaus fahren wollten und die wir schliesslich im damaligen Maedchenheim aufnahmen...die Nottaufe und dann den Heimgang vom kleinen Martin und seiner Mutter.
"In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen. Wenn's nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten?" (Joh, 14,2)
Die Nachrichten ueber das Erdbeben und seine Auswirkungen nehmen mir immer wieder meine ganze Kraft. Bei jeder Todesmeldung merke ich, wie tief der menschliche Schmerzund seine Trauer sein koennen. Die Nachricht vom Heimgang von Olivia Elisa Bouille, dem einzigen Kind von Krysta und Meriadeg, erfuellt unsere ganze Familie mit grossem Schmerz. Olivia ging zusammen mit Rivka in die franzoesische Schule in Muenchen. Die Liebe der Maedchen zueinander machte Krista und mich damals auf einander aufmerksam und ebnete den Weg zu einer schoenen Beziehung zwischen unseren Familien. Die ganze Familie Bouille engagiert sich in verschiedenen Projekten in Haiti. Wir beten um Licht fuer die Heimgekehrten und um Trost fuer die Hinterbliebenen.
Das Chaos ist gross auf Haiti, die Verzweiflung auch. Von unseren Kindern, die nach Saint-Marc und Gonaives ins Krankenhaus gebracht wurden, werden seit heute morgen zwei vermisst. Ich befuerchte Schlimmes, naemlich, dass diese Kinder gestorben sind und dass man den Leichnam gleich „weggebracht“ hat. Mehre Mitglieder betreuen diese Kinder im Krankenhaus, wie kann so etwas trotzdem passieren? Wenn es ein staerkeres Wort fuer Trauer gaebe, waere es sicher angebracht. Natuerlich faellt mir auch ein, dass in diesem Durcheinander Kinder fuer „Erwachsenenzwecke“entfuehrt werden koennen, wie es früher schon geschehen ist. Die Adoptionswelle dieser Tage macht mich trotz unserer schwierigen Situation nachdenklich. Adoptionsstellen und –vermittler sind nicht immer faire Menschen. Die dunkle Seite der Organspende ist, dass Menschen in der sogenannten Dritten Welt immer wieder den staendigen dringenden Bedarf an Organen fuer Reiche decken muessen. -Ihr seht, dieses Mal ist es mir nicht einmal gegoennt, wie alle anderen zu trauern. Und wieder wird mir bewusst, wie schwer es für mich ist, so lange in New York festzusitzen!
Liebe FreundInnen, ich kann nicht alle Mails beantworten, aber meine Dankbarkeit ist groß fuer so viele Zeichen, Gesten und Wege der Anteilnahme . Mails mit persoenlichen Fragen bemuehen wir uns zu beantworten, vielleicht dauert es ein bisschen, aber wir melden uns. Der Spruch am Anfang meiner Mail ist mir in diesen Tagen ein großer Trost, ich bin fassungslos und so dankbar, wie Ihr und die Menschen auf der ganzen Welt auf die Not der Haitianer reagieren. Dabei faellt mir selbstverstaendlich immer wieder das von mir so geliebte „Herzliches Vergelt’s Gott“ ein. Ohne Euch, die ich bewusst aus Zeitgruenden und um peinliche Versehen zu meiden nicht persoenlich nenne, ohne Euch alle, haette ich es dieses Mal nicht geschafft. Danke, vielen Dank!
Sobald ich in Haiti bin, werde ich mich an die Arbeit machen und Euch nach und nach informieren. Die Schulen und die privaten Paten erhalten, so schnell ich es schaffe, Nachrichten ueber ihre Patenkinder.
Eure sehr traurige aber nach vorne blickende Marie Josée
(19.01.2010, 19:59 MEZ)
NACHRICHT VON MARIE JOSÈE:
S.O.S. +++ S.O.S +++ S.O.S. +++ S.O.S.
Liebe FreundInnen,
die Nachrichten aus Haiti kommen buchstäblich tropfenweise und sehr undeutlich. Ich habe eben erfahren, dass vier von unseren Kindern noch unter den Trümmern des Knabenheims, Delmas 24, Rue Trichet # 7 begraben sind. Jeden Tag werden Opfer lebendig geborgen. Deshalb ein grosser Hilferuf an die DEUTSCHE BOTSCHAFT, an die MINUSTAH, alle, die sich jetzt in Haiti befinden und etwas tun können. Wir vermissen :
Wenderson
Anderson
Emmanuel
Romain
Betet für die Kinder, vielleicht sind sie noch am Leben, eine Maman, die noch hofft...
Ich war heute den ganzen Tag am Flughafen und habe vergeblich versucht zu fliegen. - AA will mir meinen ursprünglichen Flug nicht ersetzen. Ein von einer guten Seele gebuchter Flug für den kommenden Dienstag abend soll, heißt es, nicht gestartet werden. -Dabei geriet ich in eine Gruppe von Haitianern, die darauf warteten, als Ärzte und Schwestern nach Hause zu fliegen. Jeder Anwesende hatte mehrere Familienmitglieder verloren. Ich suchte wegen unserer in Bälde einzuweihenden Ambulanz das Gespraech mit aus Cap-Haitien gebürtigen Fachleuten. Dabei traf ich Schulbekanntschaften, sie listeten mir die bekannten Erdbebenopfer auf, wir weinten lange...
Dann fuhr ich zu meiner sehr kranken Freundin um sie zu besuchen. Ich wollte mich aufraffen nicht zu klagen, sondern für jemanden anderen da zu sein, das misslang völlig. Meine Freundin macht sich Sorgen um ihre Kinder und ihren schwerkranken Mann, die in Haiti leben. Die Jugendlichen schlafen im Freien, weil das Haus sehr in Mitleidenschaft gezogen ist und man fürchten muss, dass es bei einem Nachbeben dem Boden gleich gemacht wird. Ihr Mann, der vor einigen Wochen eine sehr schwere Operation hatte, bleibt alleine im Haus, weil er nicht transportiert werden kann, er fühlt sich zu schwach. Meine Freundin verträgt die Chemotherapie ganz schlecht und weigert sich, als Ärztin, zu starke Schmerzmittel einzunehmen. – Zudem hatte ich in New York einige Behördengänge zu erledigen. Letztere schiebe ich immer wieder auf die lange Bank. Zu meinem Aufenthalt hatte ich mich in erster Linie wegen meiner Freundin entschieden. Sie hatte mir Tage zuvor geschrieben, ich sei die einzige Person, der sie sich voll anvertrauen und all ihre Schwächen und Gefühle zeigen kann.-Auf Haiti wollte ich dieses Mal im Knabenheim zu Gast sein, das sich in den letzten Monaten dank des Engagements von den Betreuern Claude, Romilus, Pierrot und der Mitarbeiterinnen Lala und Lolo zu einem Modellheim entwickelt hatte. Ich wäre am frühen Nachmittag, kurz vor dem Erdbeben, dort eingetroffen...
Wir haben vier weitere Tote im Knabenheim zu beklagen. Es hat ihnen höchstwahrscheinlich an medizinischer Betreuung gefehlt. Sie starben in einem Krankenhaus... Ich möchte mir nur meinen Sohn Francky vorstellen. Francky ist am selben Tag im selben Jahr wie mein leiblicher Sohn Rajiv geboren.Sein Vater starb am 15.08.1990, am selben Tag brachte man mir Lickenson, der auf die Initiative von Familie Bouille im September dieses Jahres in der Haunerschen Klinik in München operiert wurde. Der Vater ließ mich rufen, ich sah ihn zum ersten und zum letzten Mal auf der Krankenstation der Dominikanerinnen an diesem Morgen. Er wollte mir etwas mitteilen, gab sich alle Mühe, sich zu verständigen. Ich beruhigte ihn und er starb. Ich hatte seinen Auftrag verstanden. Franckys Mutter starb Ende Februar 1991 während der Entbindung ihres dreizehnten Kindes. Mutter und Kind kehrten zurück zu ihrem Schöpfer. Ich renovierte die Hütte, nahezu alles fehlte, ich kaufte ein. Das älteste Kind, Paulette, die damals 19 Jahre war, wollte ihre Geschwister erziehen. Im selben Jahr, im Frühling, starben zwei Geschwister an Meningitis. Neun von den zehn Kindern litten an einer hartnäckigen, schlimmen Hautkrankheit. Ich hatte Kummer mit den Kindern; eine befreundete Hauärztin gab sich alle Mühe, die Kinder in einer jahrelangen Therapie zu heilen. Als Paula vier Jahre später den Folgen einer Aidserkrankung erlag, waren nur noch vier Geschwister am Leben. Im Jahr 2001 starb ein Bruder, am 3.10.2003 starb Francilia. Francky hat einen Hauptschul- und einen Abschluss als Installateur. Er war ein Bastler und hätte unter kompetenter Anleitung es weit gebracht. Francky war unermüdlich und sehr hilfsbereit. Wir hatten im letzten Jahr aus verschiedenen Gründen sehr viele Auseinandersetzungen miteinander. Ich wollte u.a., dass er kostenlos bei einem guten Installateur arbeitet, damit er seinen Beruf meistert. Er sah es nicht so. Ich habe ihm meine Gründe erklaert, er widersprach mir nicht, machte aber doch, was ihm richtig erschien. Ich drohte mit dem Rauswurf. Ich sagte ihm, es sei an der Zeit, dass er fairerweise einem anderen seinen Platz im Heim freimache. Franckys einziger Bruder lebt in Cap-Haitien, ist auch Installateur und wurde von mir vor einigen Monaten aufgefordert selbstständig zu werden. Eine Liebesgeschichte, die 20 Jahre dauerte und weiter leben wird... Um die folgende Mail zu verstehen, muss man wissen, dass ich allergisch auf das schlechte Französisch meiner Kinder reagiere. Sie äußern sich im Schriftlichen sehr knapp, um möglichst ohne Fehler zu schreiben und Vorwürfen meinerseits aus dem Weg zu gehen. Unter vier Augen würde er mir ein ganzes Buch erzählt haben.
manmie jo, je suis tres content pour te parler un peu, je te salue dans le nom de Dieu. Comment est ta sante? Et tes activites? De mon cote ca va un peu. Merci. C’est ton fils qui t'aime toujours
Betreff: Grüße
Mamie Jojo, ich freue mich dir hier kurz schreiben zu können, ich grüße Dich ganz lieb im Namen Gottes. Wie geht es Dir gesundheitlich? Und was macht deine viele Arbeit? Mir geht es soweit ganz gut. Danke. Dein dich immer liebender Sohn
Die Schulgebäude sind bis auf BethEL völlig zerstoert. Obwohl BethEL an verschiedenen Stellen rissig ist, haben mehrere Familien dort Zuflucht gesucht. Nun eine grosse Bitte:
Ich habe gelesen, dass das Technische Hilfswerk in Haiti ist. Hat jemand unter Euch eine Beziehung zu dem Hilfswerk? Ich bräuchte dringend den Rat eines erfahrenen Fachmannes, der mir sagt, wie ich mit den Gebäuden verfahren soll. Port-au-Prince ist leer, es wird lange dauern, bis die Stadt wieder funktioniert, aber ich will meine Kinder lieber gestern als heute wieder in der Schule sehen. Gebäude zu mieten gibt es nicht, ließ ich mir sagen.
Für die Freunde, die schon in Haiti waren und fragen:
Schwester Godelieve wartet in Guadeloupe auf einen Flug, um nach Haiti zu fliegen;Phebee und ihrer Familie, den Schulleitern von CFI und Sainte-Catherine, Herrn Audilon und Herrn Salnave und ihrer Familie, Fage, dem Hausmeister von Sainte-Catherine mit „dem selbstgebastelten Mercedes“ geht es gut. Man Thomas hat eine Tochter verloren. Sie war Krankenschwester.
Wir haben mehr als die Hälfte unserer Kinder evakuiert. Eine Freundin hat um Unterkunft für die Übrigen in der internationalen Jugendherberge in Saint-Marc gebeten. Wenn sie dort Ja sagen, wäre es gut, die Kinder mit ihren Betreuern hin zu schicken, um ohne Stress mit Mitarbeitern und einigen Jugendlichen die Arbeit anzupacken.
Uns sind, so lange ich im Ausland bin, die Hände gebunden, Mitarbeiter und Jugendliche sind noch unter Schock und brauchen eine Führung. Wir haben am 14.01. unser Lager leer geräumt und die warmen Decken, T-Shirts, Petroleumlampen zum großen Teil hergeschenkt.
Wir warten auf Medikamente, um unsere Ambulanzen aufzumachen. „Medeor“ wird wie üblich rasch handeln, das wissen wir und sind sehr dankbar.
Nochmals, wir möchten ganz schnell ermöglichen, dass die Kinder den Weg in die Schule wieder finden. Wir brauchen Ratschläge für den Wiederaufbau bzw. die Errichtung eines ganz neuen Gebäudes (wird Port-au-Prince dem Boden gleich gemacht und dort, wo es steht, wieder aufgebaut oder wird man aus der Hauptstadt auswandern? Das muss ich in Erfahrung bringen). Jetzt suche ich nach Zelten, um den Unterricht dort halten zu lassen. Nicht zu lange, denn die Regenzeit wird nicht lange auf sich warten lassen.
Es gibt auch die gute Nachricht, dass es unseren Marouge Familien und unseren Kindern im Mädchenheim in Cap-Haitien gut geht.
So bald ich zuhause bin, werden wir in Port-au-Prince, in Marouge und in Cap-Haitien für unsere Verstorbenen mit derenAngehörigen und Mitgliedern unserer Großfamilie je eine Totenzeremonie abhalten.
Vielen, lieben Dank für Eure Mails, Anrufe, Spenden. Ihr versichert mir, da ich nicht beten kann, das Beten für mich zu übernehmen, Ihr lasst mich Eure Nähe, Eure Tränen, Eure Freundschaft und Solidarität spüren. Ich habe, was viele Haitianer in diesen Stunden nicht haben, ich bin nicht alleine. Ich will ganz schnell das, was Ihr mir an Halt und Kraft schenkt, mit anderen TEILEN! Ich möchte so gern, dass wir alle in Deutschland, Europa und in Haiti niemals in unserem Engagement für Haiti die Hände in den Schoss fallen lassen, sondern anstatt dessen, wie Hilde Domin empfiehlt „dem Wunder wie einem Vogel die Hand hinhalten“.
Eure dankbare Marie Josee
GOTT !
Du Großer,
manchmal bist Du uns beglückend nah,
manchmal wähnen wir Dich unendlich fern, obwohl Du uns nah sein möchtest und bist.
Das Leben ist ein schillerndes Geheimnis mit wundervoll Schönem in einer unendlichen Vielfalt und noch Dunklem in manchmal auch fast unendlich scheinenden Dimensionen.
Gott, Du großer, gib bitte den Menschen in Haiti die Kraft, würdevolle Plätze für die Massengräber der Toten zu finden.
Erfülle Priester mit der Macht Deines Hl. Geistes, damit sie aufrichtende Worte finden.
Lass die Christen auferstehen zu verantwortlichem Tun in geschwisterlicher Anteilnahme und besonnener zielgerichteter Arbeit.
Lass alle Menschen in solidarischer Rücksichtnahme nicht nur auf sich, sondern auch auf den Bruder, die Schwester in Not schauen.
Lass sie einander ermuntern, in disziplinierter Selbstorganisation und Reihung Wasser- und Lebensmittelverteilung voranzutreiben und zu erbitten.
Gib den Verantwortlichen und Vermögenden in Haiti Deinen Geist der Liebe, möglichst schnell konstruktiv Anfänge der Hilfe zu beginnen, die zu einem immer breiteren Strom werden.
Lass sie in Hubschraubern und auf Land- und Wasserwegen so Hilfe bringen, dass nicht noch mehr Chaos entsteht, sondern wirkliche Unterstützung.
Dich preisen wir in Ewigkeit – auch wenn es manchmal nur in seelischem Kampf und unter Tränen geschehen kann
Amen
(Liebe B..,
ich danke Dir von ganzem Herzen für dieses Gebet, das Du für uns erdacht und geschrieben hast!
Mails, Telefongespräche, Interviews, Anfragen, wie man helfen kann, alles zeigt mir, dass wir als Volk nicht alleine mit unserem harten Schicksal sind.
Nach dem Einsturz des Knabenheimes, der 8 Kinder und einen lieben Mitarbeiter begraben hat – eine weitere Mitarbeiterin stirbt einen langsamen Tod ohne Hilfe, - habe ich gerade erfahren, dass zwei von drei Schulgebäuden eingestürzt sind. Auf nähere Information warte ich (weiß man etwas von den SchülerInnen? Um welche Gebäude handelt es sich?)
Ich frage mich während dieser Stunden nicht, ob ich weiter versuchen soll zu helfen oder nicht. Ihr tut es auch nicht, vielen herzlichen Dank!
Ich warte sehnsüchtig darauf, dass ich nach Hause fliegen kann. Mein Bruder versucht alles; Bekannte hier bemühen sich um einen Flug.
Viele von Euch fragen, wie Ihr momentan helfen könnt. Wir werden die Krankenstation Sainte Brigitte, die gerade geschlossen ist - ich weiß nichts über das Personal (eine Aerztin, eine Krankenschwester, eine MTA und eine Putzfrau- hat es das Erdbeben ueberlebt oder nicht?) - wieder aufmachen, um möglichst viele Menschen ambulant versorgen zu können. Wenn es irgendwie möglich ist, werde ich eine oder zwei weitere Notstationen aufmachen bei uns oder auf fremden Grund. Ich denke, dass keiner jetzt etwas dagegen haben wird, seinen Grund und Boden dafür zur Verfügung zu stellen.
Unsere Schüler sollen ganz schnell wieder in die Schule kommen, auf den Strassen herumlungern und sich mit Traurigem vollsaugen wird den Kindern und den Jugendlichen nicht gut tun. Ich möchte sie ganz schnell um mich haben und ihnen zuhören, ihnen die Chance geben, ihr Trauma zu verarbeiten. Ich muss ihnen sagen, dass ich arbeite, um Andersons Lachen und seine Umarmungen, um Rosnels Lächeln nicht immer vor mir zu haben, dass ich vorhabe zu arbeiten, zu lieben, zu helfen und zu hoffen, bis ich ausatme. Ich will ab sofort versuchen Schulgebäude zu mieten, langfristig möchte ich eine größere Schule bauen, wo alle Kinder untergebracht werden können.
Ich werde auch ein Heim für die 57 Kinder und Jugendlichen aus dem Jungenheim Trichet, die überlebt haben, brauchen. Ich habe gehört, dass viele neue Waisenkinder in unserem Kleinkinderheim Santo um Aufnahme gebeten haben.
Wir brauchen dringend Medikamente, Wasser, Nahrungsmittel, warme Decken, Desinfektionsmittel, Seifen. Aber ich denke, dass es im Moment wenig Sinn macht, so etwas in Deutschland zu kaufen. Es ist besser vor Ort, d.h. in anderen Städten in Haiti oder in der Dominikanischen Republik oder in Miami einzukaufen. Wir werden spaeter Helfer vor Ort brauchen, die uns bei dem Wiederaufbau helfen, die den Kindern ihr Trauma verarbeiten helfen.
Die Nachrichten aus der Haupstadt lassen mich völlig sprachlos. Viele Menschen werden demnächst verdursten, Kinder verdursten bereits, es gibt gar kein Trinkwasser.
Viele Verletzte sterben, weil sie nicht medizinisch versorgt werden können. Die Leichen verwesen auf den Straßen und der Gestank ist überall. Meine Kinder sind auch am verdursten, bräuchten medizinische und psychische Hilfe und ich sitze hier in New York fest…
Es herrscht sehr viel Gewalt, was die Menschen nicht davon abhält unter freiem Himmel bzw. in ihrem Auto zu schlafen. Aus Angst vor weiteren Beben kehren sie nicht in ihre Häuser zurück, falls diese noch stehen. Es geht ein Weinen und ein Stöhnen durch das Land…
Es ist 21 Uhr (New Yorker Zeit). Ich habe mit meiner Mutter gesprochen, mit Lovely, mit einigen der Jugendlichen und mit meiner Schwester. Ich habe die Namen von sieben meiner Toten aus Trichet, dem Heim für Jungs, das wir dank der Mirja-Sachs-Stiftung in bunten Farben frisch gestrichen hatten. Es war der Stolz der Jungs.
ANDERSON - mein Künstlerkind, der seine freien Momente damit verbrachte, auf Heftblättern zu zeichnen. Zeichnungen, die er mir dann, wenn wir uns trafen, mit einem schönen Lächeln schenkte.
EMMANUEL - der aus Cap Haitien stammt. Seine Mutter, die Aids hatte und wusste, dass sie sterben würde, hatte ihn uns zusammen mit zwei Schwestern anvertraut, die in dem Heim von Cap Haitien leben.
ROSNEL - mein Kind mit dem sanften Lächeln, hyperintelligent. Ich ließ ihn jedes Jahr eine Klasse überspringen und ich hatte viele Träume für seine Zukunft.
HERMANE - wie Rosnel stammte er aus Marouge, ein ruhiges Kind.
FEDEM - aus Marouge stammend, auch ein ruhiges Kind.
ROMAIN - stammt aus Port-Au-Prince. Er hat einen Bruder und eine Schwester. Sie haben ihre Mutter verloren.
PIERROT - 53 Jahre, ledig, hat "seine" Kinder über alle Maßen geliebt und hat acht von ihnen in einen schrecklichen Tod begleitet.
Es fehlen mir Auskünfte, es fehlen mir die Namen von zwei Kindern oder Jugendlichen, die noch unter den Trümmern liegen. Ich kann immer noch nicht wieder beten. Ich fühle eine große Leere und habe überall Schmerzen.
Ich bitte um Euer Gebet für die Opfer in Haiti.
Marie Josée
(14.01.2010, 17:15 MEZ)
NACHRICHT VON GEORGES (NEFFE VON MARIE JOSÉE) AN MARIE JOSÉE:
Liebe Tante,
in Pacot sind wir alle am Leben...aber mit allen Sorten Problemen und mit der Angst. Kein Telefon, keine Kommunikationsmöglichkeiten, keine Transportmittel. In Santo (dem Heim für die kleineren Kinder) sind alle am Leben. Es gibt nur einige kleine Schäden. Aber in Trichet ist das Haus eingestürzt und es gibt Tote. Unser Bruder Pierrot ist von uns gegangen. Er wollte soviele von den kleinen Kindern wie möglich retten und konnte nicht rechtzeitig wegrennen. Seine Frau liegt fast im Sterben und ich glaube, dass acht andere Kinder tot sind und schwer verletzt.
Wir haben mehr als 100.000 Tote, darunter viele Freunde, Verwandte, viele Angestellte, junge Leute...und die Stadt ist praktisch zerstört. Alle Gebäude, alle Krankenhäuser. Es gibt keine Leichenhallen. Der Strom ist weg. Wir versuchen, Pierrot in dem Hof von Trichet begraben zu lassen. Die Leiche verwest, man kann sie nicht länger da lassen. Mama und wir sind verzweifelt. Du wirst die rechten Worte finden, um die Schwestern von Pierrot zu informieren. Der Flughafen ist gesperrt, das Reisen verboten, so sind wir ganz in den Willen Gottes ergeben und wir beten. Wir sind in Petionville und nutzen es aus, dass ein Freund ein Handy hat, um dir diese Nachricht zu schicken. Hier herrscht Verzweiflung und Verwüstung, Tote und Verletzte überall und keine Hilfe.
(13.01.2010, 10.19 MEZ)
NACHRICHT VON MARIE JOSÉE:
Liebe FreundInnen,
ich schreibe aus New York. Wir haben gestern abend weinend vor dem Fernseher gestanden. Gegen 20 Uhr konnten wir endlich mit Lovely vom Sapotille Heim sprechen: sie berichtete, dass alle im Heim heil sind und sich in dem kleinen Garten aufhalten. Kein Strom in Port-au-Prince, die lokale Telefonleitung funktioniert bis jetzt nicht. Vor Tagesanbruch werden wir vom Verein nichts unternehmen koennen, vorher werde ich auch nicht erfahren, ob unsere 120 Kinder, Jugendliche und Betreuer in den zwei Heimen in Trichet und Santo überlebt haben.
Unsere Schüler kommen alle aus Hütten und Häusern, die bei der Stärke des Erdbebens vermutlich dem Boden gleich gemacht wurden. Die Überlebenden werden heute morgen in ihre Schulen, falls diese noch stehen, flüchten. Mein Bruder meinte, wir sollten versuchen, über die Dominikanische Republik nach Haiti zu fliegen. Ich hatte gestern Mittag ein Interview mit der staatlichen Radiosendung “Voice of America”. American Airlines hat seine heutigen Flüge – ich sollte heute morgen weiter fliegen - nach Haiti gecancelt. Ich weiss nicht, ob ich versuchen soll, als Helferin mitzufliegen oder von hier Hilfe zu organisieren. Ich werde in einer Stunde über das internationale Telefon in Sapotille versuchen, Djo, Herve, Wilkens, Diderot, Francky, Roro, Claude Nozile, Claude, Lovely, Hulda und Maude zum Helferteam vor Ort zu organisieren, um in erster Linie für die Schüler und deren Angehörige Unterkunft, Essen und medizinische Versorgung anzubieten.
Ich werde die Hilfe von Long Island aus organisieren, falls mir nicht geraten wird, vor Ort zu wirken. In diesem Fall werde ich mich um einen Platz im Flugzeug unter den Helfern bemühen. Mehr kann ich im Moment nicht sagen. Aber ich melde mich, so bald ich mehr über die Heime und unsere Kinder weiß.
Wir brauchen sicher viel Hilfe, ich schäme mich wieder zu betteln, aber die Not der Haitianer ist – wieder einmal – so unendlich groß!